Die etwas andere Cenote oder eine Erinnerung an den Wert des Lebens
Den Sonntag nutzten wir als kleine Verschnaufspause und machten ein paar Erledingungen wie Wäschewaschen und die Buszeiten für die Weiterreise checken. Am Montag schauten wir uns dann die Casa Cenote an. Diese ist im Gegensatz zu den meisten anderen völlig offen. Sie gleicht eher einem Sumpfgebiet, jedoch mit sehr klarem Wasser. Die Cenote ist deutlich weniger besucht, sodass wir in der ersten Stunde die wirklich einzigen Gäste waren. Die Wasserstelle ist U-förmig und insgesamt etwa 250 Meter lang. In der Mitte des U´s ist ein kleiner Zulauf aus dem Meer, sodass das Wasser auch etwas salzhaltig ist und wir bis zur Hälfte der Strecke gegen den Strom schwammen. Die Strömung war nur leicht, doch wir waren froh, dass Schwimmwesten im Preis inbegriffen waren. Das besondere an dieser Cenote waren keine Lichtspiele oder Schildkröten sondern ein Krokodil, was am anderen Ende auf einen der Steine am Rand liegen und sich sonnen sollte. Wir fragten den Besitzer mehrmals, ob es auch wirklich ungefährlich sei, dieser antwortete:"Yes, it´s like a pet." So hatten wir es auch vorab im Internet bei unseren Recherchen dazu gelesen. Nun gut. Wir schwammen bis zur Hälfte und ließen uns von da an vorsichtig mit der Strömung treiben. Kurz vor dem Ende sahen wir es dann. Ein wahrhaft echtes Krokodil. Ich schätze es auf eine Körperlänge von etwa um die zwei bis zweieinhalb Meter. Kein Croczilla, aber auch kein kleiner Alligator. Bis auf etwa fünf Meter schwammen wir heran und beobachteten es. Ich versuchte den Echtheitsgrad zu prüfen und tatsächlich bewegten sich die Augen. Es war also keine Atrappe. Jenny zog langsam den Rücktitt an und ich folgte ihr ein wenig später. Auf dem Rückweg stießen wir uns einmal mit den Füßen an einer Mangrovenwurzel, die ins Wasser ragte. Alter Schwede, haben wir uns vor uns selbst erschrocken. Auf einmal ist jedes Plätschern verdächtig und sorgt für Horrorszenarien im Kopf. Das sollte aber noch nicht alles sein und ich entschuldige mich an dieser Stelle vorab bei meinen geliebten Eltern für alles was jetzt folgt. Als wir wieder im vorderen Bereich waren, sagte ich zu Jenny, dass ich nochmal alleine zurückwolle. Ich kann es nicht erklären, aber ich fühlte mich unglaublich angezogen von dieser Kreatur in diesem Moment. Ich wollte unbedingt nochmal das Krokodil sehen. Jenny erklärte mich für komplett verrückt, es war ja schon unnötig sich überhaupt einmal der potenziellen Gefahr auszusetzen. Aber wie gesagt, ich weiß nicht was da in mich gefahren ist. Ich schwamm vorsichtig zurück und hoffte einfach nur, dass es sich weiter sonnte. Und so war es auch. Ich schwamm wieder auf ein paar Meter heran und machte ein kleines Video und ein paar Fotos. Die, wenn auch nur sehr leichte, Strömung beförderte mich derweil immer weiter ein Stück nach vorn und als ich das merkte ruderte ich wohl etwas tollpatischig durch die ungewohnte Schwimmweste zurück. Auf einmal machte das Krokodil einen Satz zur Seite und sprang ins Wasser. Es hatte wohl genug von mir. Natürlich dachte ich in diesem Moment nicht so rational und hatte soviel Angst wie schon lange nicht mehr (oder nie zuvor?) in diesem Leben. Binnen eines Moments spielten sich alle möglichen Szenarien vor meinem geistigen Auge ab. In den besten davon fehlte mir nur ein Bein. Ich versuchte so horizontal wie möglich auf der Wasseroberfläche zu bleiben und paddelte mit einem Arm grade so schnell, dass ich etwas vorwärts kam. Ich wollte auf keinen Fall noch mehr hektische Bewegungen machen und die Aufmerksamkeit auf mich ziehen, aber innerlich dachte ich total aufgewühlt nur: Bitte lieber Gott, hol mich hier unversehrt wieder raus! Das habe ich auch vor mir hergebetet, immer und immer wieder: Bitte Gott, hilf mir, bitte, bitte, bitte! Nach ein oder zwei Minuten war ich wieder an der Stelle, an der ich mich etwas von der Strömung an den Anfang treiben lassen konnte. Mein Verstand setzte langsam ein und ich erinnerte mich an den Besitzer, der sagte, dass es mehr ein Haustier sei. Ich dachte, er füttere es bestimmt regelmäßig, damit es weiterhin als Attraktion dienen kann. Außerdem hatte es wohl nur seine Ruhe haben wollen. Wenn es mich hätte erwischen wollen wäre das schon lange passiert. Richtig runterkommen konnte ich jedoch erst, als ich die ersten Menschen wieder hörte. Durch dieses Erlebnis haben wir zwei Dinge gelernt an diesem Morgen. Erstens, dass wir uns künftig genauer zwischen Wagemut und Leichtsinn bewusst sind, auch wenn die Grenzen oft verschwimmen. Und die viel bedeutendere Sache: das Leben ist wahrhaft ein Geschenk, welches man ausnahmslos jeden Tag voll auskosten soll. Wir vergessen viel zu oft und zu schnell wie geil das eigentlich ist, jeden Tag neue Erfahrungen sammeln zu dürfen. Völlig egal ob auf Reise oder daheim. Man muss nicht erst einem Krokodil begegnen. Aber wenn es dumm kommt, kann auch im Alltag unverhofft der Sensenmann vorbeikommen. Ich glaube den Wert zu leben und einfach hier auf unserer wunderbaren Erde sein zu dürfen sind wir uns, wie viele andere Menschen auch, gar nicht bewusst genug. Außer halt in extremen Situationen wie dieser oder auf Beerdigungen oder sonstigen Schicksalsschlägen werden wir daran erinnert. Aber was machen wir daraus?
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